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Salut, 


ich lebe den absoluten Traum. Ein typischer Sonntagmorgen sieht etwa so aus: Ich lese beim französischen Croissant und italienischem Kaffee einen englischen Text. Dabei unterhalte ich mich mit meinem Mann auf Deutsch über den türkischen Artikel, den er gerade liest. Meine Kinder wuseln um mich herum und fragen mich auf Französisch danach, wo dieses Jahr die Reise hingeht. Wir planen Griechenland. Auf Armenisch bittet mein Mann die Kinder darum aufzuräumen. Er bekommt plötzlich einen Anruf von einem polnischen Angestellten. Mein Mann beherrscht mittlerweile einige Fetzen Polnisch und erklärt ihm mit diesen Fetzen die Lage. Das ist aber noch eine Softvariante eines polyglotten Tages. 


Spannend wird es, wenn ein Familienfest bevorsteht. Dort treffen so viele Sprachen zusammen aber auch Mentalitäten, dass es höchst interessant wird. Beim Essen unterhält man sich auf West- und Ostarmenisch, Französisch, Deutsch, Englisch, Türkisch und manchmal sogar Persisch. In der Zwischenzeit ruft meine Mutter einen alten Bekannten in Lettland an und wünscht ihm auf Russisch ein frohes Fest. Auf Facebook wünscht man der ganzen armenischen Familie in Armenien, Amerika, in der Türkei, Österreich und Frankreich das Selbe. Meine Schwiegermutter erzählt Anekdoten von einer Verwandten (ich weiss leider nicht mehr wer, es gibt so viele), die damals für die Liebe nach Ägypten gezogen ist. Sie erzählt aber auch von einer verwandten Tante, die halb Armenierin, halb Chinesin war. Ok, verwandte Tante ist ein Pleonasmus, aber ihr müsst wissen, dass bei den Armeniern alle Tante genannt werden, auch nicht Verwandte. Somit ist dieser Zusatz von höchster Wichtigkeit.


Nicht nur die Mentalitäten sind für mich fesselnd aber auch die Wortkreationen und Betonungen gewisser Worte, die entstehen um gewisse Dinge verständlich zu machen oder Wortwörtliche Übersetzungen. Wir müssen uns regelmäßig bei Familienfesten die Lachtränen trocknen. Ein Beispiel: Die Schwiegermutter erklärt der armenischen Freundin etwas auf Deutsch, aus Höflichkeit für meine Mutter, die kein Armenisch versteht. „Ich habe einen wirklich guten Muscheltarif gefunden“. Darauf fragt meine Mutter: „Ah ja? 
Was haben sie denn gekostet?“. „Die Muscheln waren leider sehr teuer.“ Meine Mutter fragt noch mal nach: „Aber Du hast doch gerade gesagt, Du hast einen guten Tarif gefunden?“. Schwiegermama: „Ja, habe ich auch.“ Die Verwirrung ist groß. Die armenische Freundin schaltet sich ein: „Caroline, Tarif heißt Rezept auf Türkisch.“ Alle Lachen. Der Abend führt sich so fort. Meine Mutter erzählt von Ihrer Eskapade in einem deutschen Spielladen in dem sie nach Strümpfen gefragt hat. „Nein, dies ist ein Spielzeugladen“! Womit Sie eigentlich die Schlümpfe meinte, denn in Frankreich heissen diese „Les Schtroumpfs „. Der Laden war also der Richtige. Es ist wunderbar. Kein Auge bleibt trocken und die Bäuche schmerzen vor Lachen. Satzkreationen wie: „Ich bin intrigiert“ aus dem Französischen für „mein Interesse ist geweckt“ oder falsch ausgesprochene Worte, wie Pisskologie (für Psychologie), Puperität (für Pubertät) oder Stojo (für Steuer) sowie „pimmelich“ (für pingelig) sind herrlich. In dieser Familie muss man über sich selbst lachen können!! Mittlerweile kennen alle auch diese Worte. Wenn wir zusammen treffen wird für Rezept nur noch „Tarif“ verwendet, für Schwiegerfamilie „Chenami“, für frohes Neues Jahr „bonne année“. 

Das „R“ wird gerollt, das „H“ wird verschluckt. Ach, was ist das Leben schön! Der Kontrast ist fabelhaft. Meine Kinder baden in Sprachen und jonglieren mit Traditionen und Mentalitäten. Sie werden flexible Allrounder mit einem Kulturreichtum und Chancen, ohne etwas dafür zu tun. Interkulturelle Erziehung ist in aller Munde und in immer mehr Unternehmen wird Interkulturalität sowie Interlingualität als Kompetenz verlangt. Unsere Gesellschaft wird immer heterogener und die Grenzen verwischen, da ist das Verständnis für bestimmte Verhaltensweisen sehr wichtig.


Auch ich hatte das große Glück, dass meine Sprachen mich beruflich weiter gebracht haben. Wenn man Mehrsprachig aufwächst, dann hat man ein gutes Ohr für Sprache und erlernt Weitere spielend leicht. Wenn man jedoch mit mehreren, sich stark unterscheidenden Mentalitäten aufwächst, hat man das Verständnis für Variablen. In manchen Berufen sollte man um die Ehrlichkeit der Deutschen, die Individualität der Franzosen, die asiatischen Hierarchieverhältnisse und Höflichkeitsformen wissen. Nur so kann man Eskalationen und Missverständnisse im Beruf vermeiden.


Es wäre doch zu dramatisch, hätte man das Wort „pimmelich“ im Beruf verwendet, oder?


Atā!

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Ein Kommentar zu “Keep calm i’m a polyglot… oder der Knoten in der Zunge

  1. Pingback: Die Armenier Part I | Charme und Melone

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