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Salut,

als ich meinen Mann kennen gelernt habe, musste ich mich erst auf eine ganz neue Art von Mentalität einlassen. Ich war zwar bereits geübt im Verstehen diverser Mentalitäten, die Armenische war jedoch spezieller.

Man muss hier strikt zwischen der Mentalität der Armenier aus Armenien und der Mentalität der Armenier in der Diaspora trennen. Mein Mann gehört zu der zweiten Kategorie.

Interessanterweise tragen Wörter, Sätze und die Armenische Sprache im Allgemeinen diese Mentalität bereits in sich. Vieles klingt melancholisch und hoch emotional. Wer bei Armeniern ist, darf keine Angst vor Körperkontakt haben und sich nicht wundern, das vieles bei diesem warmherzigen Völlkchen durch den Magen geht. Die Sprache sollte nicht zu wortwörtlich genommen werden, denn die Armenier sterben ständig füreinander, tragen Schmerzen für den anderen und essen Ihre Kinder 🙂 Keine Sorge, die Armenier haben weder Todessehnsucht noch sind sie Kannibalen. Viel Gesagtes hat mit der Kultur und der Geschichte zu tun.

Sprache und Essen haben eine lange Tradition, denn gerade bei den in der Diaspora Lebenden ist man vor allem auf zwei Dinge sehr stolz, auf die überlieferten Rezepte und auf die noch existierende Sprache. Denn dieses glauben die Entwurzelten ist die Grundlage der Existenz Ihrer selbst.

Viele Armenier heiraten immer noch lieber Ihresgleichen, nicht etwa weil sie intolerant wären, nein, sie haben Angst davor zu verschwinden. Und selbst ich, als Nichtarmenierin verstehe diesen Gedanken. Abgesehen davon spielen in einer Ehe auch Herkunft und Überlieferung eine große Rolle, nicht alle Mentalitäten passen da zusammen. Ich bin also, auch wenn immer mehr Armenier in Mischehen leben, die große Ausnahme. Die bin ich gerne, denn ich bewundere diese Haltung.

Ein Armenier weiss ganz genau wo er her kommt und er weiss um seine Geschichte, die ihm immer wieder bewusst gemacht wird. Das gibt Halt und Kraft. Das Selbstbewusstsein der Armenier ist etwas sehr Bemerkenswertes. Seit Hundert Jahren kämpfen die Armenier um die Anerkennung eines Völkermordes, der noch vor dem der Juden statt fand. Aber genau dieses Durchhaltevermögen zeigt Wirkung, es bewegt sich langsam etwas.

Armenier sind sehr patriotisch (im positiven Sinne) und auch Kinder lernen schnell füreinander einzustehen.

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Kommen wir nun dazu, warum bei den Hyes (Armenisch für Armenier) auch Sprache durch den Magen geht.

Udem kesi – ich esse Dich (keine Angst es sind wie gesagt keine Kannibalen, aber wenn ein Kind liebkost wird, oder man jemanden sehr gerne hat, wird dies gesagt meist dabei noch die Backe gezwickt und bei der Aussprache werden auch die Zähne zusammen gepresst)

Im Jigeres – meine Leber (auch das ist speziell. Gemeint ist mein Liebling, vielleicht ist es auch noch eine Spur mehr als Liebling. Die Leber (als Entgifter und Energielieferant) wird hier verwendet, um die Wichtigkeit einer Person darzustellen

Anush – Wenn man sich die Wurzel des Wortes anschaut, dann wird man im Pahlavi fündig. Der Ursprung dieses Wortes liegt im Persischen und bedeutet eigentlich Unsterblichkeit. Einer Legende zur Folge (bazhakajars = armenische Volksliteratur) hat ein Armenier eines Tages ein Toast ausgesprochen: „Anush lini“ – Der Toast sollte sich auf die Unsterblichkeit beziehen, die Gäste jedoch dachten der Toast gelte dem Essen (na klar, die Armenier denken immer nur ans Essen ;-)). So entstand aus anush (Unsterblichkeit) dann so viel wie der Geschmack, „lasst es Euch schmecken“, „möge es süß schmecken“ oder auch „im anushiges“ – meine Süße

Grundsätzlich werden Worte verniedlicht, in dem man ein „ig“ hinten dran hängt (das kommt vom Wort „bisdig“, was tatsächlich jung, klein, winzig bedeutet), „anushig“, „janig“, „mugig“ etc.

Auch einige Schimpfworte muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen 😛

Lebensmittel werden gerne verwendet, um sich gegenseitig zu beleidigen oder durch den Kakao zu ziehen, wobei diese Worte niemals böse gemeint sind:

– khiyar (Gurke)
– damboul (Pflaume)
– ttum (Kürbis)
– ttumi klukh (Kürbis Kopf)
– shahmij (Rosine)
– fstkh (Pistazie), (eher süß gemeint)

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Das Armenische Volk ist ein immerzu leidendes. Es trägt die Bürde der Geschichte und das spiegelt sich in der Sprache wieder:

Tsavd danem – lass mich Deinen Schmerz wegtragen (das klingt pathetisch, ist aber zumindest heute eine häufig verwendete Redewendung. Es wird verwendet um Menschen, die Ihr Leid klagen, von Ihrem Leid zu erlösen, was praktisch nicht möglich ist, aber man drückt dadurch sein Mitleid aus.
Es kann sowohl Ernst wie auch aus Spass gemeint sein.

Giankes imin – Mein Leben

Hogis imin – Mein Seele…klar was gemeint ist.

jan – ein Wort das oft und fast immer hinter jeden Namen gehangen wird. Wortwörtlich heißt es „Leib“ – gesagt wird damit „mein Liebling“, verniedlicht bei Kindern wird sehr oft „janiges“ – mein Lieblingchen gesagt

Mernem kezi – Ich sterbe für Dich oder gianked mernem – ich sterbe für Dein Leben;

Und last but not least mein liebstes Wort „Ach“ – eher ein Reibelaut! Klingt wie auch im Deutschen. Wobei es im Armenischen anders gemeint ist. Es trägt Hoffnung, Liebe und Sehnsucht in sich. „Ach Jan, Hogis imin, es kesi sirum em!“ – „Ach Liebling, meine Seele, die ich so sehr liebe“ (im Deutschen klingt es leider nicht so schön)

Meine Schwiegermutter sagt ständig zu unseren Kindern „Aswaz baban kesi wosgi maditov kezele“ (ich hoffe es ist richtig so?) – „Der liebe Gott hat Dich mit einem Goldstift gemalt“ – Wann hört man so etwas mal im Deutschen??

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Ich dachte immer die Franzosen seien so voller „Amour“, denn jedes meiner Sätze an die Kinder wird von „Amour“ oder „Chérie“ begleitet, aber die Armenier toppen die Grenze der schnulzigen Liebe. Das meine ich absolut im positiven Sinne.

Kinder sind das Wichtigste für die Armenier. Erziehung in Liebe und mit vielen musischen, künstlerischen und kreativen Entfaltungsmöglichkeiten.

Dazu und weiteres zur Esskultur demnächst in „DIE ARMENIER – PART II“

In der Zwischenzeit schaut Euch doch folgende Posts an:

Douce, douce Arménie:
https://charmeundmelone.wordpress.com/2015/06/26/douce-douce-armenie/

Mein Leben im Multi-Kulti-MischMasch:
https://charmeundmelone.wordpress.com/2015/05/24/keep-calm-im-a-polyglot-oder-der-knoten-in-der-zunge/

Mehrsprachige Kindererziehung:
https://charmeundmelone.wordpress.com/2015/06/24/raising-children-multi-lingualy/

Atā!

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Ein Kommentar zu “Die Armenier Part I

  1. Pingback: Armenian Week – Monday | Charme und Melone

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