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Ein Beitrag geschrieben für www.storyatelier.org

Gute Geschichten haben einen Wendepunkt.

Eine Wendung lenkt die Handlung in eine neue, andere, unerwartete Richtung. Dies kann durch eine Entscheidung, Information, ein Ereignis oder eine Einsicht geschehen. Sie schließt eine narrative Einheit ab und erzeugt gleichzeitig eine neue Erzählsituation.

Eine Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende.

Exposition. Konflikt. Auflösung. Soviel zur Technik.

Dieses Schema hat sich seit Menschengedenken durchgesetzt. Denn es ist verständlich, konstruktiv, lebensnah und gleicht dem Abenteuer eines Helden. Was aber daran ist aus philosophischer Sicht das Besondere?

»Derartige Geschichten spiegeln eben die Funktionsweise des menschlichen Geistes genau wider; sie sind getreue Pläne der Seele. […] Daraus ergibt sich die universelle Kraft solcher Geschichten. Von einer Geschichte, die dem Modell der Reise des Helden nachgebildet ist, geht etwas aus, das alle Menschen empfinden können, weil es dem universellen kollektiven Unterbewussten entspringt und universelle Befindlichkeiten widerspiegelt. In solchen Geschichten geht es immer wieder um die universellen, kindlichen Urfragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich, wenn ich sterbe? Was ist gut, was ist böse? Und was hat das mit mir zu tun? Wie wird das Morgen aussehen? Und wohin ist das Gestern entschwunden? Gibt es sonst noch jemanden da draußen?« (Vogler, Die Odyssee des Drehbuchautors, S. 52)

Immer wieder habe ich mich gefragt, was ist es, dass eine Geschichte zu einer Geschichte macht, die es sich lohnt zu erzählen. Und immer wieder entdecke ich, dass die besten Geschichten, denen ich zuhören durfte, die waren, in denen Menschen etwas hinter sich gelassen haben. Aus Vergangenem gelernt haben oder nicht aber nicht weiter in der Vergangenheit leben, sondern nach Vorne schauen. Momente, die wir im Erleben als eher unliebsam empfinden, die uns monatelang beschäftigen, sei es permanent oder auch nur sporadisch. Diese Momente werden zu den besten Geschichten, wenn wir loslassen. Wenn wir lernen die Kontrolle abzugeben, wenn wir lernen zu vergeben, wenn wir akzeptieren, dass es manchmal im Leben anders kommt als man denkt, Fünfe zeitweise mal gerade und die Kirche im Dorf lässt. Aber mehr als alles andere, wenn man lernt, dass es im Leben nicht zwangsläufig dazu kommt, dass Wunden heilen bzw es zu einem Abschluss von Vergangenem kommt. Aus diesem „Loslassen“ entspringt eine heilsame Kraft, die ich immer wieder bemerkenswert finde. Loslassen heißt lernen, nicht vergessen. Lernen mit Vergangenem im Gepäck weiter zu laufen und das Vergangene nicht mehr als Balast zu empfinden sondern als wertvolle Steinsammlung. Lernen für die Zukunft. Denn aus jeder Anstrengung, jedem Kampf in dem wir uns heute befinden, entwickeln wir die Kraft, die wir für morgen benötigen.

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