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Im vierten Beitrag unserer Reihe Tunisian weeks schreibt Majed Mihoub über die zweite Generation der tunesischen Migranten in Deutschland. Die Generation der jungen Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind.

Das Gefühl der Zugehörigkeit ist hier noch weitaus schwieriger. Sind sie Tunesier? Sind sie Deutsche? Sind sie Beides? Fragen, die sich die Betroffenen selbst stellen sollten und nicht eine Gesellschaft für sie! Eine Gesellschaft bestimmt den Rahmen und nicht die Identitätsfrage!

„Der Begriff Deutsche Leitkultur drückt ein Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Lebensweisen aus. Es bleibt dabei: Jeder soll nach seiner Façon selig werden – allerdings auf dem Boden unseres Grundgesetzes und unserer Werte.“―Guido Westerwelle


Ein Gastbeitrag von Majed Mihoub

„Keine Verhandlungssache“

Rückblickend betrachtet, mussten wir notgedrungen schneller Erwachsen werden. Meine Generation ist die erste, die in Deutschland geboren wurde und aufwuchs. Was aber bedeutet es, die Erste Generation seiner Art zu sein? Bedeutet es fortlaufend danach gefragt zu werden, woher man kommt, oder zu erklären, wie es in der Heimat ist? Waren wir denn tatsächlich so anders? Wir wollten doch einfach nur Fußball spielen! Einfach nur Kind sein. Schritt für Schritt wachsen.

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In der Realität wurde uns die Zeit bis ins Erwachsenenalter um die Ohren gehauen. Meistens begann es damit, dass wir Schriftstücke für die Eltern übersetzen, formelle Briefe beantworten oder den Gang zur Behörde begleiten mussten. Unsere Eltern hatten bis zu diesem Zeitpunkt Höchstleistungen erbracht. Ihre Heimat zu verlassen und teilweise große Schwierigkeiten auf sich zu nehmen, um sich anderswo eine neue Existenz aufzubauen. Dennoch blieben ihnen viele Türen verschlossen, da die Sprachbarriere zu gewaltig war. Die Kinder meiner Generation hingegen, haben alle die Schule besucht und mehr oder weniger erfolgreich abgeschlossen. In Deutschland gibt es glücklicherweise eine Schulpflicht und das System funktioniert. Was den meisten unserer deutschen Schulfreunde jedoch verschleiert blieb, war die Tatsache, dass wir sehr früh in Entscheidungsfindungen einbezogen wurden. Was sich hinter den Kulissen abspielte und was es tatsächlich hieß in Deutschland geboren zu sein, jedoch nicht als solcher wahrgenommen zu werden, war den Wenigsten klar.

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Ich spreche hier für viele meiner Generation. Meine tunesischen Freunde und Bekannte unterhielten sich über den Minijob nach der Schule, Ferienjobs, Lebensversicherung, Autokauf, Mieterhöhung, Stromnachzahlungen. Die Liste erschien endlos. Trotz unserer jungen Jahre waren wir über alles im Bilde. Für den Großteil meiner deutschen Mitschüler standen diese Themen noch überhaupt nicht zur Debatte. Wir waren schon sehr früh mit der Aufgabe konfrontiert, ein Teil der Lebensstrategie unserer Familien zu sein. Der Eine mehr, der Andere weniger. Im Alter von 16 Jahren mussten wir Entscheidungen fällen, die man erst mit 20 oder älter hätte fällen sollen. Noch deutlicher wurden die Unterschiede, als es darum ging, was wir aus unseren Leben machen sollten. Für unsere Eltern war es eine klare Angelegenheit: Wer studiert gewinnt! Nur was sollte man studieren? Nicht studieren war keine Option.

Meine deutschen Freunde konnten wenigstens auf Erfahrungswerte ihrer Familien zurückgreifen. In unseren Reihen, sah es schon ganz anders aus. Kein Sicherheitsnetz, keine Exit-Strategie, keine Erfahrungswerte. Wir setzten alles was wir an Stolz, Würde und Mut besaßen auf eine Karte, in der Hoffnung, die wilde Reise möge gut gehen.

Die Gründung von Voices of Jasmine e.V. ist die Zuspitzung all dieser früheren Entscheidungen. Jungen Menschen aus aller Welt ein Stück weit die Angst zu nehmen und über die Hürden zu helfen in einer neuen Gesellschaft anzukommen. Das Erwachsen werden meiner Generation, hatte etwas radikales. Es war eine Abenteuerreise ohne Gewissheit über den Ausgang.

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Die Fragen nach unserer Herkunft, ob wir nun Deutsche seien oder nicht, so versteh ich es zumindest heute, forderte viele irritierte Deutsche heraus ihre eigene Identität auf den Prüfstand zu bringen. Debatten über Leitkultur zu führen und was zu Deutschland gehört und was nicht. Eine Gesellschaft, die sich selbst fragt „Wer sind wir?“ und „Wer wollen wir werden“.

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Ich frage: „Wäre Deutschland denn ohne uns, genauso besonders und anders, wie es gegenwärtig ist? Welche Rolle würde Deutschland im Hier und Jetzt spielen, wenn unsere Eltern zu Hause geblieben wären?“

Das wir anders sind, geschweige denn besonders, ist keine Verhandlungssache mehr!


Die vierte digitale Geschichte aus der Reihe „VOICES IN BETWEEN“ vom Verein Voices of Jasmine wurde von Hicham Boutouil produziert. Auch er entschließt sich trotz seines marokkanischen Hintergrunds inspiriert durch die Revolution in Tunesien den Verein „Voices of Jasmine“ (VoJ) mit seinen besten Freunden zu gründen.

Hicham reist mit uns in seine Kindheit zurück und erzählt seine Geschichte. Als Deutsch-Marokkaner hat auch er vieles, das seinen Lebensweg geprägt hat. Auf seinem Weg von der „Kölner Eisenbahnerwohnung gegenüber dem Schlachthof“ zur Gründung des Vereins Voices of Jasmine bis hin zu seiner Lebensaufgabe sich allen interkulturellen Fragen zu stellen, begleiten wir ihn ein Stück.

Der Film „Vielleicht geeignet“ ist entstanden in einem Workshop der StoryAtelier gGmbH für Voices of Jasmine e.V.

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