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Klischees sind in der fünften tunesischen Woche unser Thema. Ferdaous Kabteni veranschaulicht mit alltäglich verwendeten Termini aus der tunesischen Küche, wie Klischees Mentalitäten zu vereinfacht darstellen.

Begleitet im Anschluss auch Zerin mit ihrem wundervollen Film „Nicht ein Fach“ aus dem Storytelling Projekt „VOICES IN BETWEEN“. Auch bei Ihr geht es um Klischees und Schubladendenken und um eine ganz normale Kindheit und Jugend!

 

Viel Vergnügen


Filfil – ein Gastbeitrag von Ferdaous Kabteni

Endlich, das wohl verdiente Mittagessen erreicht den Tisch. Genüsslich blicke ich auf meinen Teller Spaghetti und will einen guten Appetit wünschen, als mir auffällt, dass mein Sitznachbar halb im Rucksack versunken ist und hektisch darin wühlt. Sicherlich wird es sich um etwas Wichtiges handeln, denke ich. Vielleicht ein Medikament, dass vor dem Essen eingenommen werden muss oder ein Handy für den absoluten Notfall, dass just in diesem Moment vibriert. Gerade, will ich mich erkundigen, ob alles okay ist, als Walid mit einem Seufzen der Erleichterung aus der Unterwelt auftaucht und demonstrativ seinen Fang auf dem Tisch platziert. Ungläubig schaue ich auf diese vertraute gelbe Tube mit dem roten Peperoni-Embleme und pruste auf vor Lachen. Das zusätzliche Utensil, dass nun den deutschen Esstisch ziert ist eine Tube Harissa, die extra aus Tunesien eingeflogen wurde, um dem vermeintlich faden deutschen Essen, weil nicht rot und scharf, die nötige Würze zu verleihen.

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Nicht nur, dass ich es absolut lustig finde, dass Walid seinen ganzen Forschungsaufenthalt über mit einer Tube Harissa im Rucksack durch Deutschlands Straßen flaniert, nein, der Soziologe bedient ein Klischee, dass seit jeher über das nordafrikanische Völkchen herrscht.

Böse Zungen behaupten, dass der Tunesier, die Paprikapaste schon mit der Nabelschnur verabreicht bekommt. Wenn der Säugling dann erst auf der Welt ist, gibt’s Harissa direkt aus dem Fläschchen. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass der ausgewachsene Tunesier erst in Fahrt kommt, wenn das rote Benzin richtig scharf und rein ist, und das zu jeder Tages- und Nachtzeit.

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Hier hat sich die Harissa du Cap Bon etabliert, die aus 87% scharfer Paprika, Kümmel, Koriander und Salz besteht. Tunesisches Reinheitsgebot.

Zum Frühstück, zum Mittag, zum Abend! Es ist egal, solange das Brot, die Soße und der Couscous rot und scharf sind, mundet es dem tunesischen Gaumen. Mit der Zeit gewöhnt sich jedoch jeder noch so empfindliche Geschmacksnerv an die feurige Schärfe, weswegen sich der Tunesier verschiedenste Kreationen ausgedacht hat, um die einsetzende Schärfetoleranz zu senken. So gesellen sich in der tunesischen Esskultur, neben dem standardmäßigem scharfen Paprikagewürz (filfil ahmar) und den frischen grünen Peperoni im Essen, weitere Kreationen an filfil (Paprika; Chilli) auf dem Essen. Ob gegrillt (filfil mishwi), gebraten (filfil muqli) oder eingelegt (filfil bara’bid), der tunesischen Kreativität ist, was das Zubereiten und Zusammenwürfeln von Peperoni-Variationen angeht, keine Grenzen gesetzt.

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Während den Deutschen der Heißhunger eher auf etwas Süßes überkommt, entfaltet der Tunesier ein Verlangen nach scharfem Essen. Zum Beispiel nach einem  klassischen, tunesischen Sandwich: Ein halbes Baguette mit Harissa beschmiert, Thunfisch, gegrillter Peperonisalat (slata mishwia), Tomaten-Gurkensalat und Pommes darauf und optional noch eine gebratene Peperoni on Top. Voilà, fertig ist der tunesische Casse-Croûte!

Der rote Harissa-Faden der sich durch das Essen zieht, äußert sich auch im alltäglichen Sprachgebrauch. Ein warmherziger, herzlicher Mensch ist laut tunesischem Volksmund mfalfil, also gut gewürzt und scharf, wie es der Tunesier gern hat. Das Pendant hierzu ist masit, also fade und nicht würzig.  Ein Mitmensch, der masit ist, ist wie wir in Köln sagen lepsch (läppisch) also einfach langweilig und humorlos. In Acht sollte man sich hingegen vor Peperoni und Menschen nehmen, die so scharf sind, dass man sich an ihnen verbrennt (yishwi). Ein Zeitgenosse, der bei seinen Mitmenschen gut ankommt ist mitharhar. Also jemand, der mit der besonderen Prise an Schärfe gesegnet ist und aktiv, gesellig und leidenschaftlich durch das Leben kommt.

„Das leben ist wie eine Pralinen-Schachtel. Man weiß nie was man bekommt!“ sagte einst Forrest Gump. Auf Tunesien übertragen, ist das Leben wie ein Teller filfil muqli (gebratene Peperoni). Man weiß nie wie scharf es ist, bis man in eine hineinbeißt. Ein Kenner kann auf einem Blick die Schärfe ausmachen. Dies erfordert jedoch langjährige Peperonierxpertise. Über Klischees mag man denken was man will. Die einen entsprechen ihnen mehr, die anderen weniger. So oder so, sind Klischees mit Vorsicht zu genießen auch mit Peperoniexpertise.


 

Der Film „Nicht ein Fach“ ist entstanden in einem Workshop der StoryAtelier gGmbH für Voices of Jasmine e.V.

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